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Runder Tisch für Zivilcourage und Menschenrechte, gegen Diskriminierung und Rechtsextremismus
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Gang des Erinnerns 2017

Auf unserem Weg des Erinnerns haben wir

  • an Anneliese Oelte erinnert und gedacht,
  • wir haben an Veronika Rath und ihre Familie erinnert und gedacht,
  • und wir erinnern und gedenken hier an Magnus Lehmann, der als letzter namentlich bekannter Ahrensburger Jude 1941 ermordet worden ist.

Wir wollen nicht vergessen, wir dürfen nicht vergessen! Wir dürfen nicht aufhören uns zu erinnern!

Großeltern – Enkel, Eltern – Kinder, Schulen – junge Menschen, Geschichte – die Gegenwart

a) Anneliese Oeltes Leben galt für die Nazis als „unwert“.
b) Die Familien Rath und Lehmann waren sozial und beruflich in Ahrensburg voll integriert. Erst durch die Nazis wurden sie als Juden beziehungsweise beim Ehepaar Rath in einer Mischehe lebend aus rein rassistischen Gründen diskriminiert, denunziert und bis zur Existenzvernichtung verfolgt.
c) Magnus Lehmann war Mitglied der in Ahrensburg als Kornhändler angesehenen Familie Lehmann. Zwar Jude war Magnus Lehmann auch Deutscher; als solcher hat er als Offizier am 1. Weltkrieg Teil genommen und wurde mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. Als Juden, die keine Deutschen sein durften, kamen er, seine Brüder sowie ein Neffe nach dem 09.11.1938 ins KZ Sachsenhausen. Weil sie versicherten Deutschland zu verlassen, kamen sie frei. Der Großteil der Familie Lehmann konnte emigrieren. Magnus blieb das versagt. Anfang Dezember 1941 wurde er nach Minsk deportiert und dort erschossen.

Geschichte

Magnus Lehmann war der letzte namentlich nachgewiesene Jude in Ahrensburg. Dieser letzte Jude war zugleich ein Nachkomme der ersten jüdischen Familie, die sich hier 150 Jahre früher nieder gelassen hatte. Mit der Geschichte der Ahrensburger Juden von der ersten Niederlassung bis zum schrecklichen Ende sind Diskriminierungen, mühsam erworbene Rechte, Restriktionen, Not und Erfolg sowie Rückschläge und zuletzt die bitteren Erfahrungen von Hass, Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung verbunden.

Dabei gingen die Diskriminierungen anfangs nicht von den unmittelbaren Mitmenschen aus, sondern von Obrigkeits-gerichtlichen Entscheidungen.

Das Dorf Woldenhorn des Schimmelmann’schen Gutes Ahrensburg war klein und seine Bewohner arm. Die ebenfalls armen ersten jüdischen Ansiedler waren sozial weitgehend akzeptiert, also sozial integriert.

Ende des 18. und Anfang des 19.Jahrhunderts wurde das Leben der Juden vor allem durch diskriminierende Gesetze, Vorschriften und Gerichtsentscheidungen, Verbote und Beschränkungen der Freiheit, eigene Lebensentscheidungen zu treffen – z.B zu heiraten – erschwert. Diese Maßnahmen betrafen besonders die Niederlassungsrechte und berufliche Einschränkungen.

Man sah die Juden eher als Vagabunden und Hausierer, „Botengänger“ oder Hochzeitsmusiker, also Gelegenheitsmusiker – lauter unstete Berufe. Doch man verweigerte ihnen sich einen festen Lebensmittelpunkt und selbst frei einen sichereren Beruf zu wählen.

Erst Mitte des 19. Jahrhunderts, nachhaltig erst nach 1860 konnten die Juden ihre so genannte „Emanzipation“ als Bürger mit freiem Niederlassungsrecht und freier Berufswahl erstreiten.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts begann dann der nationale und gesellschaftspolitische Antisemitismus, der schließlich in der Vornazizeit politisch instrumentalisiert zunahm. Er wurde allerdings von den sozial und wirtschaftlich integrierten Juden in Ahrensburg, die sich als „Deutsche“ verstanden haben, zunächst nicht als Bedrohung empfunden – eine gravierende Fehleinschätzung wie sich später zeigte.

Unter den Nazis wurden schließlich rassistischer Hass, Entrechtungs-, Vertreibungs- und Vernichtungspolitik erklärte staatspolitische Ziele und aktionistisches Programm.

Beispiele der Antijüdischen Politik der Nazis in Ahrensburg

Von ihrer Machtergreifung an verfolgten die Nazis ihr antijüdisches Programm mit zunehmender Brutalität auch in Ahrensburg. Schon im April 1933 fanden im ganzen Reich Boykottmaßnahmen gegen jüdische Geschäfte statt; so auch in Ahrensburg: hier wurden zum Beispiel der Kornspeicher der Familie Lehmann und die Adler-Apotheke in der Hamburger Straße von Mitgliedern der NSDAP belagert. Die Apotheke gehörte damals der Jüdin Gertrud Eickhorst. 1936 wurde die Apotheke enteignet und zwangsverkauft, der Erlös des Verkaufs beschlagnahmt. Nach einer vorübergehenden Inhaftierung 1939 konnten Frau Eickhorst und ihr nichtjüdischer Mann Ahrensburg verlassen und schlugen sich unter bedrängtesten Verhältnissen immer auf der Flucht illegal durch Deutschland. Nach dem Ende der NSZeit konnten sie nach Ahrensburg zurück kehren.

Das gelang nicht allen aus Ahrensburg abgewanderten Juden. Leider sind uns die Schicksale der meisten dieser Juden nicht bekannt. Wir wissen nur dass noch vor Magnus Lehmann von den abgewanderten Edgar Levy im Oktober 1941 und seine vermutliche Mutter Malie Levy im November 1941 nach Lodz deportiert und dort ermordet worden sind. Ebenfalls im November 1941 fand auch Charlotte Salomon, geb. Lehmann – eine Verwandte von Magnus – in Minsk den gewaltsamen Tod und deren ältere Schwester Sophie Hirsch, geb. Lehmann starb 1943 im KZ Theresienstadt. (Wir können in Ahrensburg also noch eine Reihe von Stolpersteinen verlegen.)

Geschichte und Gegenwart

Es ist das Verdienst von Frau Dr. Moede, die Geschichte der Juden in Ahrensburg akribisch erforscht und aufgezeichnet zu haben.

Welche Schlussfolgerungen können wir aus dieser Geschichte für die Gegenwart ziehen? Es genügt ja nicht Geschichte emotionslos einfach zu kennen, sondern sie ist für uns immer ein Impuls über die Gegenwart nach zu denken.

Bei unserem Erinnern gilt dieser Impuls besonders den Fragen nach Integration und Ausgrenzung. Unter welchen Prämissen fand Integration statt oder nicht statt? Und wie ist es heute?

Heute geht es um Quoten, Grenzen, gesetzliche Regeln für Zuwanderung und Integration durch Leistung. Dabei kann man eine gesetzliche Überregulierungstendenz erkennen.

Keine unkontrollierbare Zuwanderung

Natürlich dürfen und müssen wir einer unkontrollierten und unkontrollierbaren Zuwanderung von Leuten, die sich hier nicht integrieren wollen, und von Leuten, die kriminelle und terroristische Ziele haben, eindeutig vorbeugen und Abschiebungsrechte behalten.

Genau so freilich ist es unsere Aufgabe den Menschen, die hier – und integrationswillig sind, zu helfen sich integrieren zu können.

Beim Nachbarschaftsfest in der Rudolf Kinau-Str. im September haben wir gehört und erlebt, wie gut die jungen Leute, die da gesprochen haben, bereits integriert sind und darauf hoffen bleiben zu können.

Intgrationsleistungen anerkennen

Immer wieder hören wir dem gegenüber von der drohenden Abschiebung von Jugendlichen und Familien, die hier durch eigenes Bemühen gut integriert sind. Solche Integration sollte auch ein ausreichender Grund für ein Bleiberecht sein, um Abschiebungsängsten und jahrelangen Auseinandersetzungen um dieses Bleiberecht entgegen zu wirken und menschliche Tragödien zu vermeiden.

Nicht zuletzt brauchen gerade junge Menschen gesicherte und geförderte Bildungschancen. Schulen gehören zu den besten und wichtigsten Integrationseinrichtungen. An Schulen muss es allerdings auch Integrationskonzepte geben, die Integration für alle Schüler konkret erfahrbar machen können. Ein Zusammenwürfeln der Schüler allein ist noch kein Integrationskonzept.

Auch die Lehrer müssen darin fortgebildet werden, Integrationsbeispiele erlebbar zu gestalten und so zu vermitteln.

Was ist Integration?

  • Integration ist: Zusammenleben,
  • die Kultur des Miteinander Lebens;
  • nicht: wir hier, dort die anderen, sondern
  • Verschiedenheit und Gemeinsamkeit!
  • Solidarisches Denken und Handeln.

Integration ist eine soziale Kompetenz, die wir alle lernen müssen.

Und: Integration ist immer ein beidseitiger Prozess; man kann Integration nicht fordern ohne sie selbst zu leben und Andern zu ermöglichen. Ich muss integrativ sein und mein Gegenüber muss integrationswillig sein – sonst entsteht keine Integration. Diesen Prozess steuern wir nur dann gut, wenn zwischen gesellschaftlichen Interessen und den Interessen der Betroffenen ein echter Dialog stattfindet. Dieser Dialog kann und muss auch politisch akzeptiert werden. Er ist zugleich ein Ausdruck demokratischen Bewusstseins und Handelns.

Natürlich geht es nie ohne den Dialog aller gesellschaftlichen Gruppen mit einander. Diesen Dialog nur auf staatlicher Ebene zu voran zu bringen reicht freilich nicht aus; auch Nachbarschaftskultur kann und muss eine Form dieses Dialogs unter den Menschen verschiedener Lebenshintergründe und ihrer Anerkennung sein.

Engagement für Integration

Bei allen Bemühungen der Juden um Integration ist ihre Geschichte bei uns von der VERHINDERUNG DER INTEGRATION durch staatliche Regelungen und Gerichtsentscheidungen und später durch antisemitische Einstellungen bis hin zum totalen Ausschluss von jeder Integration durch die Nazis geprägt.

Wenn jemandem versagt wird sich zu integrieren, versagt auch die Integration selbst.

Dies gilt meiner Meinung nach für jede und jeden von uns allen genauso wie für die Menschen, die zu uns kommen. Zur Zeit besonders gegenüber Moslems.

In der so genannten „Flüchtlingskrise“ hat sich gezeigt, dass die Bereitschaft zur sozialen Integration der zu uns gekommenen Menschen seitens der einheimischen Bevölkerung sehr groß war und ist.

Besonders der Freundeskreis für Flüchtlinge, das Netzwerk Migration und Integration, kleinere Initiativen, die Volkshochschule und auch die Verwaltung der Stadt leisten in vielerlei Hinsicht vielfältige,  lebendige und vorbildliche Arbeit, die reichliche Anerkennung und Dank verdient!

Aufklärung statt Ausgrenzung

Mit Bestürzung müssen wir dem gegenüber leider fest stellen, dass inzwischen rassistische Ausgrenzung von Zuwanderern und Vorurteile gegen religiöse Zugehörigkeiten so wie die Verharmlosung bis hin zur Rechtfertigung der nazistischen Geschichte und nazistischer Gedanken und Handlungen in unserer Gesellschaft wieder Verbreitung gefunden haben.

Es liegt an jedem von uns diesen Entwicklungen mit Mut, Zivilcourage und Aufklärung entgegen zu treten! Das unterstützen wir mit der Arbeit des Runden Tischs für Zivilcourage und Menschenrechte, gegen Diskriminierung und Rechtsextremismus. Auch unser Gang des Erinnerns gehört dazu.

Populistische , insbesondere die neuen rechtspopulistischen Bewegungen und Parteien bieten keine Antworten auf die Sorgen und Ängste der Menschen, sondern missbrauchen diese.

Die "alte" jüdische Gemeinde in Ahrensburg

Die „alte“ jüdische Gemeinde von 1788 bis 1938 in Ahrensburg hatte eine kleine Synagoge und einen eigenen Friedhof. Die Synagoge wurde nach 1938 als baufällig abgerissen und das Grundstück verkauft. Auf dem Friedhof wurde vermutlich in der Pogromnacht vom 09. auf den 10. November 1938 in zynischer Weise das Trauerhaus angezündet und brannte vollständig nieder. Für die Brandstiftung gibt es keine Zeugen.

Der Ahrensburger jüdische Friedhof ist insbesondere für das Erinnern ein besonderes Kulturgut Ahrensburgs, das es auch für die Zukunft Wert zu schätzen und für spätere Generationen zu erhalten gilt.

Die neue jüdische Gemeinde in Ahrensburg

2003 – also 65 Jahre nach dem Ende der alten Gemeinde – wurde in Ahrensburg eine neue jüdische Gemeinde gegründet. Gründung und Bestand dieser Gemeinde sind vor allem Frau Rudolph zu verdanken, die diese Gemeinde mit außerordentlichem Engagement aufgebaut und geführt hat. Die neue jüdische Gemeinde besteht im Wesentlichen aus Zuwanderern aus den Staaten der ehemaligen UdSSR, die – durch die Hilfe der jüdischen Gemeinde – hier bei uns gut integriert sind. Allerdings leben sie auch in Angst vor den Entwicklungen in unserer Gesellschaft, vor den Vorurteilen, latentem Antisemitismus, nationalistisch begründeten Ausgrenzungen bis hin zu antisemitischer wie auch antimuslimischer sowie fremdenfeindlicher politischer Hetze und krimineller Gewalt.

Die neue jüdische Gemeinde in Ahrensburg steht nicht mehr in der Tradition der alten Gemeinde, sondern ist ein echter Neuanfang mit ganz anderen Lebenshintergründen und geschichtlichen Erfahrungen ihrer Mitglieder. Nur ihr Judentum verbindet die neue Gemeinde mit der Gemeinde, deren letztes Mitglied Magnus Lehmann gewesen ist.

Der Ahrensburger jüdische Friedhof könnte für diese neue Gemeinde vielleicht eines Tages wieder zur Ruhestätte der Verstorbenen werden.

Das wäre auch ein Zeichen für Normalität und damit selbstverständlicher Integration und Wertschätzung der kulturellen Vielfalt in unserer Stadt.

Rathausöffnungszeiten

Montag, Dienstag,Mittwoch und Freitag 8.00 bis 12.00 Uhr
Donnerstag 14.00 bis 18.00 Uhr

Sowie in Ausnahmefällen auch außerhalb der angegebenen Zeiten nach vorheriger telefonischer Vereinbarung

Allgemeine telefonische Auskünfte können (auch außerhalb der Öffnungszeiten) unter der allgemeinen Behördennummer 115 erfragt werden.