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Runder Tisch für Zivilcourage und Menschenrechte, gegen Diskriminierung und Rechtsextremismus
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Gang des Erinnerns 2015

Der Runde Tisch für Zivilcourage und Menschenrechte organisiert regelmäßig am Jahrestag des 09. November 1938 den Gang des Erinnerns an die Opfer der NS-Diktatur.

Redetext Dorothea Schmidt (NetzWERK Migration & Integration Ahrensburg) an der Station 4, dem "Engel der Kulturen" vor der Stadtbücherei, zum Gang des Erinnerns am Sonntag, dem 09. November 2015:

Wir stehen am Engel Der Kulturen, der hier am 26. April 2013 verlegt wurde. Mitglieder des Netzwerkes, federführend insbesondere Hans Peter Weiß, haben den Engel der Kulturen nach Ahrensburg geholt. Er ist ein Symbol für das friedliche Zusammenleben aller Menschen in unserer Stadt und in der Welt. Er ist ein Zeichen gegen Intoleranz, Vorurteile, Ausgrenzung, Antisemitismus, Islamfeindlichkeit, Fremdenangst, Rassismus und Rechtsextremismus.

Er vereint die Symbole der abrahamitischen Religionen – den Davidsstern für das Judentum, das Kreuz für das Christentum und den Halbmond für den Islam. Bei der Verlegung waren viele Ahrensburger beteiligt, besonders auch die christlichen Kirchen und die jüdische und die muslimische Gemeinde unserer Stadt. Der Geist der Aktion macht aber deutlich, dass andere Religionen und Weltanschauungen genauso mit gemeint und einbezogen sind.

Alle Beteiligten haben damit deutlich gemacht, dass die Religionsfreiheit als Teil der verfassungsmäßigen Ordnung hier bei uns lebendige Wirklichkeit ist.

Wir erinnern uns: Am 9. November 1938 wurden überall in Deutschland Synagogen in Brand gesteckt. Weder Polizei noch Feuerwehr durften einschreiten. Das nationalsozialistische Regime machte damit deutlich, dass es die in der Weimarer Verfassung garantierte Religionsfreiheit mit Füßen trat.

Das Entsetzen über die dann folgenden Katastrophen des Holocausts und des 2. Weltkrieges führte zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der UN von 1948, zur Verankerung der Menschenrechte im Grundgesetz von 1949 und zur Europäischen Menschenrechtskonvention von 1950.

Die Europäische Menschenrechtskonvention, in Deutschland geltendes Recht, übernimmt den Text der UN-Erklärung fast wörtlich. Weil sie etwas konkreter ist als das Grundgesetz, verlese ich den Artikel und Absatz:

Menschenrechtskonvention Artikel 9, Absatz 1:
„Jede Person hat das Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit; dieses Recht umfasst die Freiheit, seine Religion oder Weltanschauung zu wechseln, und die Freiheit, seine Religion oder Weltanschauung einzeln oder gemeinsam mit anderen öffentlich oder privat durch Gottesdienst, Unterricht oder Praktizieren von Bräuchen und Riten zu bekennen.“

Hierin steckt eine Herausforderung für uns alle. Die Herausforderung wird einem solange nicht bewusst, wie man in einem religiös einheitlichen oder in einem sehr säkularen Umfeld lebt. Es ist leicht, sich zur Religionsfreiheit zu bekennen, wenn dieses Bekenntnis nicht durch unterschiedliche und überzeugte religiöse Lebensweisen gefordert wird.

Inzwischen gehören wir hier in Deutschland deutlich unterschiedlichen Religionen und Weltanschauungen an. Damit wird aber klar: Religionsfreiheit schützt mich – und das ist wunderbar – aber sie schützt natürlich auch meinen Nachbarn. Jeder muss diese Freiheit der anderen Religionsgemeinschaften aushalten und auch die von denen, die bewusst ohne Religion leben. Wenn ich im tiefsten Inneren meines Herzens von der Wahrheit meines Glaubens oder meiner Weltanschauung überzeugt bin, muss ich respektieren und akzeptieren, dass mein Nachbar, der zutiefst von einer ganz anderen Wahrheit überzeugt ist, die gleiche Freiheit hat wie ich. Und ich muss das, was er mir im öffentlichen Raum zumutet, aushalten.

Eine vielfältige Gesellschaft, die die Menschenrechte ernst nimmt, ist also keine gemütliche Veranstaltung. Peter Feldmann, der Oberbürgermeister von Frankfurt a.M. sprach vor drei Wochen anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an Navid Kermani von dem Stresstest auf unsere Werte, der zurzeit stattfindet. Er hat Recht, denn ein Zurück in die gleichförmige homogene Gemütlichkeit gäbe es nur um den Preis, durch Ausgrenzung anderer unsere Werte – nämlich die Menschenrechte einschließlich der Religionsfreiheit – aufzugeben.

Wir sind also, wie der katholische Weihbischof Jaschke vor zwei Wochen in Hamburg sagte, auf Gedeih und Verderb zum Dialog und der Gestaltung des friedlichen Zusammenlebens unter Verschiedenen verpflichtet.

Das Zusammenleben in Unterschiedlichkeit führt, auch wenn wir den anderen respektieren, zwangsläufig immer wieder zu Konflikten. Diese Konflikte müssen ausgehandelt werden. Friedenssicherung besteht ja nicht nur darin, den anderen gewähren zu lassen. Das geht bei vielen Dingen, meist denen, die einem nicht so wichtig sind. Darüber hinaus ist Friedenssicherung immer aktive Arbeit der Konfliktbewältigung.

Die säkulare Zivilgesellschaft hat viele Verfahren des Aushandelns und der Vermittlung entwickelt. Neben dem Gespräch und der öffentlichen Debatte gibt es in der Demokratie die traditionellen Formen des parlamentarischen Prozesses und der Rechtsprechung. Dazu gehören auch Formen von Vermittlung im Kleinen und im Großen, von Streitschlichtern in der Schule und Schiedsleuten für Nachbarschaftskonflikte bis hin zu regionalen Mediationsprozessen und bis zur großen Diplomatie.

Die Tatsache, dass Frieden nur um den Preis von Anstrengung zu haben ist, ist altes menschliches Wissen und in allen Weltreligionen verankert. Alle Weltreligionen enthalten eine Friedensverheißung und alle kennen die Goldene Regel, die dorthin führt. „Behandele andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst.“ „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ „Wünsche den Menschen, was du dir selbst wünschst.“ Damit ist nun allerdings nicht gemeint, dass ich jemandem einen Apfel schenke, weil ich selbst Äpfel mag. Denn vielleicht mag mein Gegenüber ja keine Äpfel. Damit ist gemeint, dass ich mich auf den anderen einlasse und erforsche, was ihn bewegt und was er sich wünscht – also, dass ich seine Perspektive kennen und achten lerne, so ich mir wünsche, dass er meine Perspektive kennen und achten lernt. Und wir beide unser Verhalten daran orientieren und aushandeln. Solche Dialoge sind Arbeit – wir müssen sie aktiv betreiben und wir stellen damit Frieden her. Alle Religionen sehen dies als Aufgabe, und es ist auch in säkularer Ethik verankert. Wir haben hier also bei aller Verschiedenheit eine Gemeinsamkeit. Daher kann es nicht so schwierig sein, sich auf diese Idee einzulassen. In der Praxis ist es allerdings nicht immer einfach, sich offen und ohne Selbstbetrug auf die Sichtweise des anderen einzustellen und ihr mit Empathie, mit Einfühlung zu begegnen.

Was hat das alles mit Religionsfreiheit zu tun? Friedensfördernde Gespräche über Religionsgrenzen hinweg sind einerseits von allen Religionen geboten, brauchen andererseits aber Vertrauen. Vertrauen kann nur in Freiheit gedeihen. Der Engel der Kulturen hier in Ahrensburg und anderswo zeigt das sehr gut.

Frieden beginnt im Kleinen. Zum Abschluss möchte ich daher Sie alle bitten, dass jeder still für sich nachdenkt, welcher Konflikt, welches Missverständnis, welche Frage des Zusammenlebens bewegt Sie gerade besonders? Und stellen Sie sich die Frage: Wie kann ich mich der Perspektive, der Sichtweise das Anderen annähern? Was bewegt ihn oder sie? Was ist ihr oder ihm wichtig? Und wie würden Sie die entsprechende Frage des Gegenübers so beantworten, dass es der Verständigung dient? Und wenn Sie möchten, beten Sie darum, dass es Ihnen gelingt!

Ich danke Ihnen!

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